Die letzte Sonderprüfung

Tag 19 – Weltreise 2001/02

Das Telefon läutet. Vermutlich schon eine Minute lang.

„Um 10 Uhr haben wir hier Check Out.”
„Und?”
„Es ist schon 10 Uhr 15!”

Es regnet noch immer. Hat nie aufgehört. Der Gletscher ist 4 km außerhalb Franz Josef. Ich
brauche einen Kaffee und ein Sandwich, bevor ich mich entschließen kann, ihn trotz des
Dauergusses zu besichtigen. Vom leicht überschwemmten Parkplatz ist es ein 10minütiger
Marsch, dann ist man auf der Aussichtsplattform, die auf einer Endmoräne platziert wurde.
Alle Menschen sind in buntes Regen-Gear gehüllt, ich bin der einzige ohne Regenschirm. Da
muss ich jetzt durch. Der Gletscher ist im Nebel zwar zu sehen, aber leider weit entfernt vom
großartigen Schauspiel. Vielleicht bei Sonnenschein. Scheiß Regen.


Der Franz Josef Gletscher und Tropfen am Objektiv.

 

Ich verfolge die Strasse weiter nach Norden. Der letzte Abend zeigt Wirkung, ich dürfte die
Festplatte in meinem Kopf neu formatiert haben. Autofahren macht heute keinen Spaß mehr,
der innere Kilometerfresser kalkuliert alle paar Minuten die verbleibende Fahrstrecke nach
Christchurch. Mehr und mehr Farmen zeigen sich rechts und links der Straße.

Auf einer kurzen Geraden, inmitten leicht überfluteten Geländes komme ich zum Stillstand:
eine Herde Kühe parkiert mitten auf der Straße. Die Rindviecher haben den Kopf gesenkt,
vielleicht der strömende Regen. Sie schauen mich blöd an, bewegen sich um keinen
Zentimeter. Ich fühle mich ihnen verbunden, viel gescheiter bin ich heute auch nicht. Ich
hupe. Nichts. Kein Mensch zu sehen. Ich sehe mich schon Kühe treiben, da taucht ein Hund
auf. Mittelgroß, rau behaart, läuft er laut bellend von hinten auf die Herde zu. Die Rinder
spritzen auseinander, die meisten nach links, ein paar nach rechts. Der Hund wechselt auch
nach rechts, bellt grimmig weiter, macht Anstalten, nach den Hinterbeinen zu schnappen.
Derart motiviert, springen die Kühe über die Strasse, nach links, formieren sich wieder zur
Herde. Eine verbleibt auf der falschen Seite, der Hirtenhund schafft sie in Nullkommanix zu
den anderen. Beachtlich. In 20 Sekunden hat er allein den Haufen muhender Wiederkäuer gut
organisiert, sie aus der Gefahr herausgeführt und den Weg freigemacht.

Immer mehr Schafe sind zu sehen. Kein lustiges Leben. Ich stelle mir vor, ich stehe, bekleidet
mit in einem zehn Zentimeter dicken Wollpulli, tage- und wochenlang im Regen herum.
Pausenlos Gras fressen. Nass und schwer sein. Und der Geruch!


Leichte Überflutungen.

 

Nach etwa 250km, nach einer Ortschaft, in der ich auch nicht leben will, geht es endlich nach
Osten. Die Haupt-Transversale der Südlichen Alpen schlängelt sich zügig bergauf, der Regen
lässt nach. Ein ganzer Tag in der Dunkelheit, ich erinnere mich an den genialen Peter Weir
Film, in dem die Eingeborenen Australiens jenen mystischen Regen auslösen, der das Ende
der Welt ankündigt.


Kultstätten? Ein Wohnheim?

 

Am Pass zeigt sich erstmals wieder die Sonne. 3000er vulkanischen Ursprungs bieten
einer Anzahl von Skigebieten eine Heimat, die auch im neuseeländischen Sommer flott
aussieht, weite Täler und der große Himmel. Ich erreiche Christchurch am späten
Nachmittag, erleichtert, meine private Rallye Neuseeland beendet zu haben. Gute
1500km in drei Tagen, mehr als die Hälfte davon im Regen. Ein feuchtes Road Movie.
Bin ich eigentlich im Urlaub – oder auf der Flucht?


Südliche Alpen.

 

In Christchurch wähne ich mich in England. Am frühen Sonntag Abend schippern die
Menschen mit kleinen Ruderbooten durch malerische Kanäle, Oxford fällt mir dazu ein,
Gemälde von englischen Impressionisten zeigen auch gerne solche Szenen. Bars und
Restaurants in der Fußgängerzone bieten Ruhe und durchaus gutes Essen. Zurück im Hotel,
finde ich „Gladiator” auf einem der Kanäle. Russell Crowe hilft mir, die nötige Bettschwere
für einen kurzen, aber erholenden Schlaf zu finden – mein Abflug nach Sydney ist für 6 Uhr
35 terminisiert.

Neuseeland: geile Inseln, gute Typen, The Great Outdoors, buntes Leben – das muss ich mir
auf jeden Fall wieder geben. Vielleicht ein Segeltörn im Norden. Sicher aber das Jetboat, das
sich mir an diesem dunklen Tag auf gemeine Weise entzogen hat.

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Nachtrag zum letzten Post

When it rains it pours ist ein echter Gefühlsspiegel. Es war ein dunkler Tag.

Zu George Harrison fällt mir ein, dass Martin Scorsese letztes Jahr eine ausgezeichnete (und sehr ausführliche) Dokumentation über den quiet Beatle gemacht hat. Living In The Material World. Sehr empfehlenswert.

Zu meiner Geschichte vom Skikurs fällt mir ein, dass der Gitarrist und George Harrison Fan von damals, Markus Groh, mein Banknachbar von der 6. bis 8. Klasse Gymnasium,  ein entsprechend enger und guter Freund, vor etwa 4 Jahren zu George Harrison gestossen ist – er wurde Opfer einer Hai-Attacke auf den Bahamas. Vielleicht spielen sie ja gerade gemeinsam was.

Neuseeland steht auf meiner Liste von Ländern, die noch einmal zu besuchen sind, nach wie vor ganz oben. Ich würde etwas mehr Zeit veranschlagen – und keine Streckenrekorde mehr aufstellen.

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When it rains, it pours

Tag 17 – Weltreise 2001/02
Der Morgen in Queenstown ist klar und kühl. Langsam fühle ich mich hier in Neuseeland
vom Regen verfolgt – über Nacht hat es wieder ganz schön runtergehaut. Die Abfahrt zum
Shotover Jet ist in Frage gestellt. Der Fluss führt Hochwasser, der Jetboat-Betrieb ist – wenn
überhaupt – auf Mittag verschoben. Die anderen Abenteuer-Ausflüge sind um 9 Uhr schon
abgefahren. Man schlägt mir vor, einmal mit der Gondel auf den Hausberg zu fahren, die
Sommerrodelbahn wäre auch gut. Leichtes Nieseln begleitet mich auf den Gipfel.


Der spezielle Luge-Sessellift.

 

Dort beweise ich mich in der einzigen Weicheier-Sportart in Süd-Neuseeland. Mit kleinen,
schlittenähnlichen Geräten, die ein Lenk- und Bremsstangel haben, das aussieht, als hätte
jemand sein Kinderfahrrad vergessen, bewegt man sich in halsbrecherischer Fahrt auf einer
Betonbahn abwärts. Man hat sogar einen eigenen Sessellift für diese „Luges” gebaut. Am
meisten Spaß macht es den siebenjährigen, aber auch ich kann mich der Faszination nicht
entziehen und absolviere vier Abfahrten.


Sportparcours für Weicheier.

 

Die Nachrichten in der Abenteuerzentrale sind die gleichen. Hochwasser – jeglicher
Jetboatbetrieb ist für heute eingestellt. Meine einzige Chance: ein Jetboat in meiner
Fahrtrichtung, Richtung Westküste. Dort, neben der alten Goldmine, meint man, frühestens
um 4 eine Fahrt machen zu können, wenn überhaupt. Ich schiebe das Chillout-Annual vom
Ministry of Sound in den Schacht und setze leicht frustriert meine Fahrt fort. Das heutige
Etappenziel trägt den heimischen Namen Franz Josef, dort soll der gleichnamige Gletscher
einen unvergesslichen Anblick bieten.


Eben nicht: Jetboat gestrandet.

 

Ich halte meinen 100er-Schnitt entlang eines nicht enden wollenden Sees, es beginnt stärker
zu regnen. Gegen Westen soll ein Pass sein, darüber liegen Fön-Wolken, es sieht nicht gut
aus. Die Strasse ist menschenleer, wie gehabt, die Landschaft wird grüner, der Regen heftiger,
es dunkelt sich ein. Kurz vor dem Pass beginnt es zu schütten, kein tropischer Regen, sondern
ein verschärfter Schnürlregen, wie aus Kübeln. Ein kleiner Bach wird innerhalb weniger
Kilometer zum reißenden Gebirgsfluss. Die Vegetation entwickelt sich zum Regenwald, von
steilen Berghängen stürzen Hunderte Meter hohe Wasserfälle neben die Strasse. Mehr als 70
kann ich beim besten Willen nicht fahren, die Straße ist streckenweise leicht unter Wasser.
Die Scheibenwischer schaffen die Wassermassen nur mehr im Schnellgang weg.
Fotografieren wird unmöglich, der Regen kommt von überall, binnen Sekunden hängen
Tropfen am Objektiv. Es ist dämmrig geworden, mitten am Tag.


In die Schlechtwetterzone.

 

Der Ort Haast kündigt sich an. Ort ist übertrieben, mehr eine weitläufige Ansammlung von
flachen Häusern, benannt nach dem österreichischen Entdecker, der im 19. Jahrhundert hier
unterwegs war und auch dem Gletscher den Namen vom guten alten Kaiser gab. Das kleine
Bächlein von vor 30km ist bei Haast ein mehrere hundert Meter breiter Strom, der sein
Hochwasser in die tasmanische See einbringt. Die Strasse dreht Richtung Norden. Schilder
warnen alle paar Kilometer vor „Flooding”, Wasser steht entlang der Strasse. Nur mehr 150
km bis Franz Josef, die Küste hinauf, durch die dichteste Vegetation, die man sich vorstellen
kann. Farne, die man nur in den feuchtesten Zonen finden kann – kein Wunder bei 5m Regen
pro Jahr. Fettes, sumpfiges Gras. Regenwald säumt die Strasse. Einspurige Brücken, die über
Mündungen von aus den Ufern getretenen Flüssen führen. Kaum ein Mensch zu sehen.
Zeitweise schalte ich den Wischer zurück. Das Vergnügen hält höchstens eine Minute, dann
fällt wieder mehr Wasser vom Himmel.

Was hält mich über Wasser? Dorfmeister’s Dub Remix von Groove Armada’s genialem „My
Friend”? Der Glauben an das Ziel, nur schwach erahnbar? Die Bridgestone-Gummis
schwimmen auf, ich drehe sogar die Musik ab, um das Aquaplaning besser hören zu können.
Bremsprobe. Konzentrations-Marlboro. Wasser pfeift durch den kleinen Abzugsspalt herein.
Keine Ortschaft in Sicht, die zweispurige Asphalt-Wasser-Mischung wird kurvig, eine
Bergstrasse entlang der Küste. Der Ozean taucht fallweise links auf, grauer Surf, Nebel.
Regen. Mehr Regen. Bed & Breakfasts für die allgegenwärtigen Backpacker. Nach guten 3
Stunden Wasser taucht Franz Josef auf. Ein Straßendorf , noch mehr Bed & Breakfasts, ein
Pub, eine Bar, ein Restaurant, Tourist Shops. Das Glacier Hotel Franz Josef hat den Schick
der späten Siebziger mit einem Schuss auf alt getrimmtem englischen Pub.


Viel ist nicht mehr zu sehen.

 

Ein neuseeländischer Cabernet Sauvignon hilft der Verdauung. Der Barkeeper meint, es
regnet seit zwei Wochen so – ohne Pause. Sie hätten einmal eine österreichische Hotel-
Etikette-Trainerin hier gehabt, die war sehr streng. Aber gut streng. Wie immer er das meint.
Ich habe eine Suite ausgefasst, die einer Familie mit vier Kindern gut stehen würde. Das
Radio empfängt nur mehr einen Sender. Im Fernsehen viermal Kiwi-TV und CNN. George
Harrison ist gerade gestorben.

Ich bin nicht nur nass, ich bin sehr traurig. „The Concert for Bangla Desh” war die erste und
einzige Langspielplatte, eigentlich ein Dreieralbum mit farbigem Booklet, für die ich -
meinem Freund Mecky – etwas zahlen musste, um sie mir auszuborgen. 100 Schilling, das gab
damals schon aus. Das Tape nahm ich auf den Schulskikurs der 4. Klasse mit. Wir konnten
alle Songs auswendig, mein Freund Markus spielte sie auf der Gitarre. George Harrison sang
„My Sweet Lord”. Ich liebte ihn, sonst ja mehr die Stones, aber Harrison war geil. Sie zeigen
ihn auf CNN, mit den Beatles in Amerika, beim Filmen, im Konzert. The quiet Beatle.

Ich hatte das Vergnügen, George Harrison persönlich kennen zu lernen. Geschäftlich
verbrachte ich im August 2000 einen Tag in seinem Haus in Henley-on-Thames. George war
wirklich kool. Überlegt, sogar nachdenklich, mit Vision. Vor dem Hintergrund des
neugotischen Schlosses und des gewaltigen Gartens, den er selber gestaltete, mit Kunstwerken
schmückte, mit Meditationsecken versah. Sein Frau sagte, er sitze gerne stundenlang im
Garten und dächte nach. Ich bin mir sicher, er hat jetzt auch einen schönen Platz zum
Nachdenken. Good Bye, George.

Kelly, die 21ijährige adrett-sportliche Kellnerin von der Nordinsel im Blue Oyster, der
einzigen etwas flotteren Bar mit Restaurant in Franz Josef, mustert mich genau. Ich bin nass
von Kopf bis Fuss, das ist nicht weiter ungewöhnlich..
„Du siehst aber nicht besonders drein. Ist alles OK mit Dir?”
„Ja, klar. Ein Bier bitte.”
„Darf ich Dich auf einen Shooter einladen?”
„B-52?”
„Danke, gerne.”

Ich erzähle ihr meine Story vom Wasser. Die Jetboat-Misere. Die Pritschel-Fahrt. George
Harrison ist tot. Und ich bin ganz froh, heute, am 1. Dezember 2001, nicht in Wien, sondern
genau am entgegengesetzten Ende der Welt zu sein…

Eine farbenfrohe Pizza bildet eine gute Unterlage für eine paar Biere und eine Bouteille
einheimischen Cabernet Shiraz, der sich ähnlich reinhängt wie der Nebel in die Bergkette, die
ich durch das Fenster nur mehr erahnen kann. Um neun am Abend ist es noch fast genauso
hell wie am Nachmittag. Kelly meint, es regnet schon seit drei Wochen. Und könne auch noch
zwei Wochen weiterregnen.

„Aber heute nacht spielt eine Liveband, im zweiten Gebäude vom Franz Josef Hotel. Das
passiert nur alle vier Wochen, da sind sicher alle dort.”
„Touristen?”
„Nein, die Leute die hier arbeiten. Saisonniers. Bei dem Regen haben die alle seit Wochen nichts zu tun.”
Richard setzt sich neben mich. Er ist 20, führt Touristen über den Gletscher. Er kann sich
nicht vorstellen, in seinem Leben etwas anderes zu machen, als in Neuseeland an der frischen
Luft einem sportlichen Beruf nachzugehen. Im Lokal herrscht ein Kommen und Gehen von
Helikopterfliegern, Bergführern, Kayak-Instruktoren. Kurz nach elf geht noch schnell ein B-
52, dann fahren wir alle in die Hotelbar, 500m außerhalb des Ortes. Es regnet wie gehabt,
man schafft es nicht einmal trockenen Fußes bis ins Auto. Ähnlich geht es beim Konzert zu.
Das versammelte Franz Josef befeuchtet sich mit Steinlager, G’n’T’s und gutem alten Scotch.
Die Band gibt Rockklassiker. Mir ist das alles Wurscht. Ich glaube, zwei Bier habe ich noch
getrunken.

When it rains, it pours. Das Gesetz der Serie. Unglück kommt gerne in Dreier-Arrangements.
Das hilft, die Enttäuschung kurz zu halten. Dafür ist sie umso tiefer.

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Die Neuseeland Rallye

Tag 17- Weltreise 2001/02

Zum xten Mal auf dieser Reise das Abreise-Ritual. Aufstehen zu einer Zeit, zu der ich sonst
lieber schlafen gehe. Pack-Kunststücke, um alles wieder in meinen Samsonite zu stopfen,
ohne dass er platzt. Sorgfältiges Einsammeln des Elektronik-Baukastens. Ticket. Pass. Credit
Cards. Check Out. Airport.

Von Auckland nach Christchurch fliegt die Qantas mit einem Jet der Air Fiji etwas über eine
Stunde lang. Auf dem Flughafen wird ein Assortment von schweren propellergetriebenen
Transportmaschinen be- und entladen, sie sind mit „Antarctic Exploration” beschriftet.
Christchurch ist die Basis für einen Gutteil aller Antarktis-Stationen, nicht nur die
Neuseeländer, auch die Amis versorgen ihre Forschungsstätten von hier aus. Es riecht nach
Abenteuer auf der Südinsel.

Angesichts der geplanten Fahrtstrecke entschließe ich mich, ein großes Auto zu nehmen, der
Bequemlichkeit halber, aber auch wegen der Aussicht auf einen CD Player. Die Radio-
Versorgungssituation könnte streckenweise etwas schütter werden. Mein Mitsubsishi
Diamante Station wird von einem bulligen 3,6 Liter V6 angetrieben, er hat den gewünschten
CD-Spieler. Ich verlasse Christchurch (oder Ch’ch, wie es die Kiwis abkürzen) Richtung
Süden, die Pazifik-Küste entlang. Der Tempomat ist auf 120 exakt eingestellt, und das ist gut
so. Die neuesten Ouevres vom Ministry of Sound füllen meinen Wagen mit satten House-
Beats, das Annual 2002 ist diesmal 3 CDs stark und ausgiebig. Wer die Wirkung von House
Music aufs Autofahren kennt, weiß, dass man mit dem Tempomat besser bedient ist. House
verleitet mich dazu, aufs Pedal zu steigen, bei jeder Nummer beschleunigt man weiter. Der
Sheriff wartet.

Die Gegend ist grün, Kühe und Schafe wie gehabt, im Westen die Kette der südlichen Alpen
mit Mount Cook, fast so hoch wie der Großglockner, die höchsten Gipfel tragen Schnee. Ab
und zu durchfahre ich Städtchen, von Städten kann man nicht reden. Kaum ein Haus ist höher
als ein Stock, ich bin am Land. Hier ist so gut wie gar nichts los, etwas Verkehr, gebremst
wird selten.

Vereinsamt.

 

Nach 250 km biege ich von der Küste ins Inland, nach Westen. Die Strasse nach Alexandra ist
eine Mischung aus kilometerlangen Geraden, kleinen Bergerln, ein paar Kurvenstrecken. Der
Verkehr dünnt derart aus, dass ich manchmal eine Viertelstunde lang kein anderes Auto sehe.
Ich versuche, meinen Schnitt konstant bei 100 zu halten. Die Gegend erinnert mich an den
Westen der USA, Wyoming, Idaho, Montana, etwas weniger bergig, aber weite Täler und
dieser gewisse Big Sky, aus dem heute häufig ein paar Schauer auf das sonst eher trockene,
nichtsdestotrotz grüne Land fallen. Nach weiteren 200 km, hinter Alexandra, wird es bergiger,
schroffe Felsen, schmale canyonartige Täler. 6 Stunden Fahrt bis zum heutigen Etappenziel:
Queenstown, die sportliche Hauptstadt Neuseelands.

Queenstown ist im Winter ein Skiort, im Sommer ein Abenteuer-Sport-Ort. Es hat wenig vom
klassischen Charme eines österreichischen Wintersportorts, die meisten Häuser sind nicht
älter als 20 Jahre, ist aber trotzdem sehenswert. Das Zentrum liegt am Ufer eines klaren,
relativ großen Bergsees, rundherum Bergketten. Eine Seilbahn führt in Gehweite zum Gipfel
des Hausbergs. Das Stadtbild wird geprägt durch eine Mischung aus Abenteuer-
Verkaufsstellen, Bars, Restaurants und Internet-Cafes. So jung wie der Ort ist auch ein
Großteil seiner Clientele: eine bunte Mischung von Adrenalin-Junkies aller Herren Länder. In
Queenstown erhalten sie Futter für ihre Sucht, und nicht zu knapp.

Die Abenteuerstadt.

 

Das ist historisch bedingt: zuerst erfand ein findiger Quenstowner das Jetboat, weil man nur
mit diesen leicht übermotorisierten Geräten die engen Schluchten des Shotover River mit
hoher Geschwindigkeit navigieren kann. Man schnallte Touristen in die Boote, perfektionierte
den 360 Grad Turn – den Rest erlebt man auf jedem Video über Neuseeland – Original-
Jetboating auf dem Shotover gehört auf jeden Fall zum Programm. Jetboat Imitatoren haben
sich inzwischen fast überall in Neuseeland angesiedelt.

In den Achtzigern fand dann ein anderer Queenstown-Bewohner eine alte Brücke über einen
Canyon und glücklicherweise auch das entsprechende kernige Gummiseil – die Geburtsstätte
des Bungee Jumping findet sich wenige Kilometer außerhalb der Stadt. Die Bungee-Angebote
sind Legion, der Höhepunkt sicher ein 134m Jump von einer der zahlreichen Canyon-Brücken
in der Gegend.

Die Gebursttätte des Bungee Jumping.

 

Das Queenstown Adrenalin-Programm im einzelnen: Speed Boating, Water Skiing, White
Water Rafting, Kayaking, Canyoning, Paragliding, Hanggliding, Mountain Climbing, Rock
Climbing, Abseiling (sic! “Climb the steep rocks and then abseil down with our experienced
instructors.”), Luge Riding. Die neueste Sportart, „Fly-by-Wire”, wo man mit einer Art
Raketenantrieb an einem Seil aufgehängt in einer Schlucht herumfliegen kann, wurde wegen
eines tödlichen Unfalls eingestellt. Ich buche gleich das Original Shotover Jetboat für morgen
früh. Damit habe ich mir a cold one verdient.
Wenn das Abenteuer Pause macht, treffen sich die Adrenalinos in der Bar ums Eck. Die
gesammelten Mates, sportliche, sehnige Skilehrertypen, kurzgeschoren, mit ihren Oakley-
Frogskins verwachsen, braun gebrannt. Jeder von ihnen hat heute schon mindestens fünf
Jumps absolviert, die wildesten Hunde vermutlich ohne Seil oder Fallschirm. Wenn die Mates
gerade nichts zu tun haben, suchen sie sich ein paar Haifische zum Raufen. Die Mädels, nicht
weniger sportlich, ebenfalls unter Sonnenbrillenpflicht, trinken pitcherweise Bier um die
Wette. Dazwischen sehe ich auch ein paar Touristen, Briten vielleicht, mit hummer-rotem
Sonnenbrand, aber bester Dinge. Die Abenteuergeschichten vom Tag werden ausgetauscht,
neue, großartige Sportarten erfunden. „Lauter so Burschen wia mir.” Ich setze mein coolstes
Gesicht hinter meiner Oakley auf, ein paar wärmliche Ales schaffen die
Sonnenuntergangsstimmung um 9 Uhr Abend, die Schatten werden lang.

Wo Burschen noch Burschen sind.

 

Ein Spaziergang durch die florierende Bar-Szene offenbart ein breites Spektrum der
Unterhaltung: zur Happy Hour sitzt man am Pier. Dann noch auf ein Bier in einer der Bars in
der Cow Street. Ein paar Kiwi Girls haben sich verkleidet, das Motto bleibt unklar. Sie stehen
schon etwas under the influence, drangsalieren den Keeper, ihre schlechten Tapes zu spielen
und äugen den Männern nach. Ich augen-flirte mit zwei Britinnen Marke „Laura Ashley
macht auf scharf”, die am offenen Fenster der Bar so sitzen, dass ihnen jeder in ganz
Quenstown auf die nicht unansehnlichen Titten sehen kann. Sie rauchen lange Marlboro
Lights im Softpack. Die weißen 100mm Zigis lassen ihre gebräunten Finger noch länger
aussehen. Genau der Typ Frauen, die sich 24 Stunden lang bewusst sind, wie gut sie aussehen,
und das offen ausspielen wie ein Poker Dealer die Asse beim Five Card Stud in Vegas.

Queenstown Central.

 

Das Abendessen beim Inder ist scharf und gut. Vor lauter Müdigkeit kann ich kaum den
Löffel halten. In der Bergluft der Abenteuerstadt schlafe ich wie ein Baby.

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Kofty Sound World – “Soul Food” – Soundtrack New Zealand

Ein wenig Hoffnung, nicht ganz so dunkel wie Lost & Found. Die Talsohle der Welle ist überwunden, vielleicht geht es auch wieder einmal aufwärts. Wenn die Seele Futter braucht, sollst du ihr es geben. Guten Appetit.

Kofty Sound World K 105 Soul Food - November/December 2001

Title Artist Time
Hunting Bears Radiohead 01:56
Dream On Depeche Mode 04:17
It`s A Crime The Magnetic Fields 03:40
Irgendwie, irgendwo, irgendwann Jan Delay 05:25
Pyramid Song Radiohead 04:42
Busby Berkeley Dream The Magnetic Fields 03:32
Amazing Madonna 03:10
Didn’t I say Tim Hutton 03:34
Jealous Guy LB 03:50
Papa Was A Rodeo The Magnetic Fields 04:59
Shiver Coldplay 02:05
Wir trafen uns in einem Garten Zweiraumwohnung 03:38
Magic In Here The Go-Betweens 03:36
Absolutely Cuckoo The Magnetic Fields 01:29
Nobody’s Perfect Madonna 04:14
Long-Forgotten Fairytale The Magnetic Fields 03:35
Freelove Depeche Mode 05:26
We Never Change Coldplay 03:45
Queen Of The Savages The Magnetic Fields 01:57
Surfing Magazines The Go-Betweens 04:19
Wish You Were Here Wyclef Jean 03:56
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Kofty Sound World – “Lost & Found” – Soundtrack New Zealand Pt 1

Neuseeland war von der Musik her eher dunkel gehalten, die musikalische Aufarbeitung privater Historie, gemischt mit sehr präsenten Stimmungen. Heute wundere ich mich, dass ich nicht gegen einen Baum gefahren bin. Für mich eine meiner schönsten, wenn auch dunkelsten Compilations. Frei nach den Marx Brothers – I am lost and you are found.

Kofty Sound World K 104 Lost & Found – November/December 2001

Title Artist Time
All My Little Words The Magnetic Fields 02:42
Paradise (Not For Me) Madonna 06:04
Angie LB 03:49
Trouble Coldplay 04:26
Darker With The Day Nick Cave And The Bad Seeds 06:01
Veridis Quo Daft Punk 05:28
I Can’t Touch You Anymore The Magnetic Fields 03:01
911 Wyclef Jean 04:15
Demons Fatboy Slim 05:41
I Don’t Want To Get Over You The Magnetic Fields 02:06
Orpheus Beach The Go-Betweens 04:10
My Only Friend The Magnetic Fields 01:58
And No More Shall We Part Nick Cave And The Bad Seeds 03:55
Gone Madonna 03:24
Yellow Coldplay 04:13
Something About Us Daft Punk 03:11
Epitaph For My Heart The Magnetic Fields 02:47
We Came Along This Road Nick Cave And The Bad Seeds 04:57
He Lives My Life The Go-Betweens 03:51
Time Enough For Rocking When We’re Old The Magnetic Fields 02:00
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Zorbing mit den Aliens

Tag 15 – Weltreise 2001/02

Im Prinzip kann man nur darüber mutmaßen, woher die Begeisterung der Kiwis für alle
möglichen sinnlosen Sportarten kommt. Liegt es an der exponierten geografischen Lage, dem
Umstand, dass die beiden Inseln von überall mit Ausnahme Australiens nur mit einem
Langstreckenflug zu erreichen sind? Oder am Minderwertigkeitskomplex, den die Kiwis
gegenüber den seelenverwandten Australiern aufgerissen haben – immerhin hat der
australische Burgenländer-Witz Neuseeländer als Hauptdarsteller? Vielleicht sogar daran,
dass es auf beiden Inseln hervorragende Voraussetzungen für so ziemlich alle Sportarten
dieser Welt gibt – vom Surfen bis zum Schifahren lässt sich in Neuseeland jeder Sport
betreiben.

Egal. Faktum ist, die Kiwis besitzen nicht nur jede Menge sportlichen Ehrgeiz, sie haben auch
Kreativität in Sachen Sport. Sie sind die größten Sport-Erfinder, und wie das bei Erfindern
nun mal so ist, sind halt immer auch ein paar skurrile Erfindungen dabei. Das Jetboat mag ja
noch einen gewissen praktischen Sinn und Zweck haben. Beim Bungie-Jumping stellt sich
eher schon die Sinnfrage. Und was würden die Neuseeländer den ganzen Tag treiben, hätte
man das spezielle Gummiseil nicht erfunden? Zorbing setzt dem allen die Krone auf. Die
Burschen müssen einen gewaltigen Knall haben, denke ich mir nach Durchsicht eines
Berichts. Es führt kein Weg daran vorbei: Zorbing gehört ausprobiert.

Ich finde den einzigen Zorbing-Hang der Welt etwas außerhalb von Rotorua, dem
touristischen Zentrum der Nordinsel, auf der Strasse nach Auckland. Auf den ersten Blick
wirkt es wie die Hohe Wand-Wiese in Mauerbach, ein Skihang für minderbemittelte
Großstadt-Schifahrer, 300 Meter lang, Steigung Marke Idiotenwiese. Links führt ein Art
Skilift hinauf, der ist aber erstens außer Betrieb, zweitens nur für den Transport von Zorbs
geeignet. Die Zorbs selbst stehen im Auslauf.

Zorbing in Action.

 

Ein Zorb ist eine etwa 5 Meter hohe, halb durchsichtige Kugel. Rein technisch eine große, zur
Kugel gerollte Luftmatratze. Nach dem Kammerprinzip hergestellt, birgt sie einen 3 Meter
durchmessenden Hohlraum, den ein Mensch durch ein enges Loch betreten kann. Drei Zorbs
warten auf – wie würde man sagen? Zorber? Zorbinger? Zorbaz?

Eine hilfsbereite junge Dame erklärt das Angebot. Beim „Dry Zorbing” wird man in einer Art
Harnisch in der Kugel festgeschnallt und rollt vom Gipfel des Hügels zu Tal –
Astronautentraining, bis einem schlecht wird. Mehr Spaß sei allerdings beim „Wet Zorbing”
zu haben: das Innere der Kugel hat keine Haltevorrichtung, dafür schütten sie einem einige
Kübel Wasser sowie etwas Seifenlauge in den Zorb. Wet Zorbing gleicht somit einem
kombinierten Wasch-, Spül- und Schleuderprogramm in Mutter’s guter Miele. Ein sauberes
Vergnügen.

Da fällt die Entscheidung schwer. Will ich schwindlig werden und kotzen oder in der Lauge
herumkugeln? Ein englisches Pärchen hat gerade je einen Durchgang absolviert. Sie
empfehlen den Wet Run, ohne Vorbehalte. The wetter, the better. Ich erhalte ein T-Shirt zur
Verfügung gestellt, wechsle in meine Surf-Shorts. Dazu drückt mir die Tante einen halb
aufgeblasenen Space-Hopper in die Hand, das sei jetzt mein wichtigster Freund. Düster
erinnere ich mich daran, als Kind einmal etwa 10 Minuten Spaß gehabt zu haben, indem ich
auf so einem Gummiball mit Kuhzitzen durch die Gegend hoppelte. Was der Gummifreund
beim Zorbing soll, entzieht sich momentan noch meiner Wahrnehmung.

Wir laden den Zorb auf einen Hänger, der an einem Toyota Urvan befestigt ist. Ein berschiger
Kiwi-Zorb-Instructor bewegt das Gespann einige Serpentinen den Berg hinauf, bis zur
Startrampe. Wir rollen den Zorb in Position, das Loch auf der Seite. Er schüttet kübelweise
Wasser ins Innere. Nach drei Minuten Füllung erhalte ich die Anweisung, mit einem
Hechtsprung den Zorb zu betreten. Mein zarter Körper flutscht durch die Öffnung, ich lande
in einem Kinderplanschbecken mit lauwarmem Wasser. Beim Draufklatschen schlägt es
leichte Blasen – der Persil-Faktor. Ein paar Kübel Wasser noch, meine private
Waschmaschine ist beinahe startbereit. Jetzt verschließt der Spacehopper als Stoppel das
Einstiegsloch, um das Ausrinnen unterwegs zu verhindern. Grenzgenial.

Ich erinnere mich an das Gewinnspiel: wer es schafft, den ganzen Hang auf den Beinen zu
bleiben, im rollenden Zorb mitzulaufen, erhält ein T-Shirt geschenkt. Mein Frage, wie viele
das geschaftt hätten, beantwortet der Ober-Zorber mit „Ganz schön viele – sechs Leute. In
den letzten drei Jahren. Hehe.” Ich stehe aufrecht in der Kugel. Er gibt das Startsignal und
schickt mich mit einem leichten Tupfer auf die Reise.

Ich bleibe etwa drei Zehntelsekunden auf den Beinen, danach rolle ich auf dem Rücken, dem
Bauch, auf der Seite, Kopf oben, Kopf unten den Berg hinunter. Das Wasser umspült mich
linde, ob bei 30 Grad auch der Marmeladefleck rausgehen wird? Ich lache vor mich hin, kugle
immer schneller, das Schleuderprogramm startet. Nach 15 Sekunden ist die Sache leider
schon wieder vorbei, die Zorb-Assistentin entfernt den Spacehopper-Stoppel, und ich verlasse
im Stil eines neugeborenen Kalbs flutsch den Zorb. So fühle ich mich auch, neugeboren,
frisch gewaschen, mit einem Anflug von Schwindel, aber im Großen und Ganzen Eins A.

Frisch gezorbter Zorbinger.

 

Zwischenzeitig ist eine Ladung 17jähriger Brasilianer und –innen eingetroffen, die meinen
hervorragenden Zorbing-Auftritt gesehen haben dürften. Sogleich erstehen sie Zorb-Kombi-
Abonnements – anschließendes Bungie-Shooting inkludiert. Die Burschen sind tollkühn, die
Mädels kudern, pausenlos zorben sie den Abhang herunter, zu zweit, sogar zu dritt in der
Kugel – wet, versteht sich. Als die Mädels nach dem Herausschlüpfen bemerken, dass ihre
zarten Knospen ohne schützende Unterwäsche bestes Futter für einen Wet-T-Shirt Contest
abgeben, kreuzen sie verschämt die Arme vor der Brust, kichern aber weiter. Die Briten geben
sich einen dritten Zorbing-Run. Ich überlege, ob man das auch am Ganslern-Hang in
Kitzbühel abziehen könnte? Das wäre eine echte Attraktion für den Alpensommer, inklusive
abschließender Detonation im Rasmushof, wegen übermäßiger Steilheit.. Also besser doch am
Kinderschlepplift. Aber zorbere necesse est. Sponsoren, Weltmeisterschaften, Kunst-Zorben,
die Phantasie blüht. Vielleicht die beste Sportart der Welt.

So entzorbt man vom Zorb.

Zorbing war auf jeden Fall der Höhepunkt dieses Tages, an dem ich mit meinem Corolla
wieder 550km durch den permanenten Nieselregen pflügte, um den herrlichen Lake Taipo
und Rotorua zu besichtigen. Wenig Verkehr verleitet dazu, auf die Tube zu drücken, die
Radarfallen sind gut zu sehen, put the hammer down. Kurz vor Taipo begegnet mir auf einer
längeren Geraden ein Police Car, ich lupfe kurz den Gasfuß, wie soll mich der den messen?
Kurz bevor ich ihn passiere, schaltet er sein Blaulicht (in diesem Fall rot) ein. Das kann nicht
mir gelten, denke ich. Ein Blick in den Rückspiegel, der Cop macht einen schneidigen U-
Turn, setzt mir nach. Er blinkt links, also doch ich, der Mistsack meint tatsächlich mich! Ein
kerniger Sheriff in Gacki-Braun befragt mich, ob ich wüsste, dass ich hier mit 121 Sachen
unterwegs gewesen sei? Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen, das war bergab („No,
mate, it was uphill!”). Ich habe nicht genau auf den Tacho geschaut. Ich fahre nie so schnell.
Ich habe nicht so viel Geld. Ich kann nicht so gut autofahren. Wie er denn das gemessen
haben will? Die hinterhältigen Kiwi-Sheriffs haben im Bug ihrer Karossen einen „Stalker-
Radar” eingebaut, und auf seinem Armaturenbrett sehe ich die Anzeige: er war mit 90
unterwegs, ich mit 121. Das macht 170 Kiwi Dollar, gut 80 Euro, zahlbar binnen 14 Tagen.
Ein teurer Ausflug.

Vor allem, da es am Lake Taipo noch immer regnet. Landschaftlich ist der See wunderschön,
das geplante Forellen-Fischen kann ich mir aufzeichnen. Ein vorzügliches Phad Thai ist die
einzige Ausbeute.

Am Weg nach Rotorua passiere ich das „Geothermal Power Plant”, einen Abstecher wert. Die
Erdkruste ist dort so dünn, dass alle paar Meter Dampf an die Oberfläche tritt, es raucht aus
allen Löchern.Diese Energie muss man nützen. Das Kraftwerk erstreckt sich über mehrere
Kilometer. Es sieht aus, als hätten böse Aliens eine Brutstation für ihre Nachkommen gebaut,
mit weit überlegener Technologie, außerhalb unseres Denkradius. Sicher streben sie die
Weltherrschaft an. Lange Alu-Rohrleitungen tauchen aus dem Boden auf, laufen über den
Grund, verschwinden wieder, Rauch und Dampf überall, kein Mensch zu sehen. Bald werden
schleimige gigereske Baby-Aliens ausschlüpfen und mit unserer Versklavung beginnen.

Geothermale Alien-Brutstätte.

 

Die Stadt Rotorua dürften sie schon erreicht und prompt unterjocht haben. Es stinkt zum
Himmel – Schwefeldampf hängt über dem mit dem Lineal gezeichneten Städtchen. Die
ansässige Maori-Bevölkerung wurde zurückgedrängt, verbannt in eine Siedlung, die jetzt als
die Touristen-Attraktion Numero Uno im Angebot ist. Rund um die heißen Quellen wohnen
die Maoris in diesem historischen Städtchen. Sie agieren ganztags als Führer, Sänger, Lehrer
für fotografierende Japan-Touris mit ihren Nikons und Sonys. Eine Art geschwefelter
Schrebergarten-Minimundus, dem Geruch nach ein Werk des bockfüßigen Meisters. Die
Alien-Brutstätten werden als Kochstellen, natürliche Badewannen oder auch einfach heiße
Quellen in übernatürlichen Farben getarnt. Zentrales Teil ist der Geysir, der alle Stunden
Dampf und kochendes Wasser in die Luft speit. Sicher ein galaktisches Leuchtfeuer für die
nachkommenden Siedler.

Minimundus-Schrebergarten.

 

Der Masterplan der Kreaturen wird mir jede Sekunde klarer. Die Aliens, deren Galaxis von
einer gigantischen Supernova zerstört wurde, suchen eine neue Heimat. Sie finden die Erde
und wählen Neuseeland als Angriffspunkt. Wen kümmert es schon? Die eingeborenen Maoris
werden geknechtet, die wenigen Neuseeländer durch Klone ersetzt. Der örtliche Vulkanismus
wird als Tarnung für die Brut verwendet. Den Rest der Welt machen sich die Aliens auf ganz
unauffällige Weise durch das Erfinden sinnloser Sportarten untertan. Alle halten die
Neuseeländer fortan für klasse Burschen, ohne den Schimmer einer Ahnung, was abgeht.
Zorbing stellt den unauffälligen Gipfel dieser Bewegung dar, in Wirklichkeit ein
hochreligiöses Zeremoniell der Außerirdischen. So soll die für Hedonismus besonders
anfällige Menschheit durch Zorbing in einen neuen Bewusstseinszustand nicht enden
wollender Verblödung gezwängt werden, damit sie bereit für die Übernahme ihrer wertlosen
Körper werden. Gespenstisch. Mir schaudert. Ich fühle mich schon ganz schwach. Wurde ich
in der Lauge gebrainwashed? Kommt uns President Bush mit seinen Burschen zu Hilfe?
Haben sie den etwa auch schon übernommen?

So etwa dürften die Aliens aussehen.

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Bay Of Islands

Tag 15 – Weltreise 2001/02

Per Internet hatte ich meinen Freund Raj, der einige Jahre in Neuseeland gelebt hatte, nach
den besten Sights gefragt. Einige Kiwi-Mates gaben mir daraufhin ihre Reihung durch. Ich
richtete meinen Reiseplan danach aus. Fünf Tage für Nord- und Südinsel, das hieß: früh
aufstehen, durch den Morgenverkehr Aucklands, alles Frühaufsteher hier. Das Wetter war,
wie schon am ersten Tag, grau-in-grau, der Concierge meint, ich sollte mich im Norden auf
Regen vorbereiten.

Die Autobahn endet kurz hinter Auckland, ab dort geht es auf stinknormalen Landstrassen
durch rollende Hügellandschaften, und zwar endlos. Das Speed Limit liegt bei 100 km/h, 120
am Tacho lassen sich allemal fahren, es gibt kaum Verkehr. Das Land weckt heimatliche
Gefühle, so schön grün, ein kleines Bergerl hier, ein Hügel da, überall Kühe. Wenn nicht die
Unzahl an Schafen, der gelegentliche Blick auf eine atemberaubende Meeresbucht oder die
Palmen wären, könnte man glauben, man fährt zwischen der Buckligen Welt und der
südsteirischen Weinstrasse spazieren. Der Überschuss an Kleintieren wird direkt am Asphalt
erledigt, alle paar Kilometer findet sich der buschige Kadaver eines Possums.

Beinahe die Bucklige Welt.

 

 

 

Die Bay of Islands erreiche ich nach guten 3 ½ Stunden Fahrzeit, etwas mürbe. Eine riesige
Bucht mit einem sauberen Sandstrand. Ein kleiner Ort. Niedrige Häuser, meist aus Holz, fast
ausnahmslos mit „Backpackers welcome” oder „Bed and Breakfast”, das eine oder andere,
kleine Hotel/Motel, Fish and Chips Buden, Seafood Restaurants. Ein Golfplatz. Die Bay of
Islands ist nur mit dem Schiff gut zu sehen, das Angebot umfasst normale Cruises, Jetboat-
Fahrten, „Swim with the dolphins”, Hubschrauber-Flüge und mehrtägige Eco-Ausflüge mit
Übernachtung. Das Überangebot an Scuba Diving, Sea Kayaking, Segelbooten und
Surfbrettern lässt in mir erstmals den Verdacht aufkeimen, dass die Kiwis einen eigenen
Zustand zum Sport haben.

Auch bei schlechtem Wetter ein Traum.

Mein Sport heißt heute Fish’n’Chips und eine Fun Cruise durch die Inseln. Es nieselt leicht,
ab und an ein paar Sonnenstrahlen, spätestens bei der zweiten Insel rieselt mir die Schönheit
der Gegend angenehm den Rücken runter. Die Inseln sind vielfach in Privatbesitz, der Strand
jedoch immer für alle zugänglich. Ein paar Tycoons haben sich mächtige, doch stets dezente
Häuser auf ihre Eilande gebaut, bis zum Hubschrauber-Landeplatz ist alles vorhanden. Ich
wäre auch mit dem Haus des Caretakers zufrieden, unter blühenden Bäumen stehen in
subtropischer Vegetation wahre Schmuckkästchen und wachen über kleine Buchten. Das
Wasser ist geradezu karibisch, ein Paradies. Wo kann ich bitte die nächste Insel kaufen?

Das Haus des Gärtners.

 

Nach 20 Minuten kommt das Schiff mitten im Meer zum Stillstand. Von links erscheint ein
Rudel von 20 Delphinen. Die Bottlenose Dolphins springen mit fließenden Bewegungen aus
dem Wasser, tauchen unter unserem Boot durch. Sie lassen sich durch unsere Anwesenheit
gar nicht stören. Wie nehmen wieder Fahrt auf, da verlassen zwei Delphine ihre Herde und
begleiten uns noch ein Stück. Sie schwimmen 30 Meter neben dem Schiff her, überholen uns
ganz locker mit 50 Sachen, wenden dann aber und schwimmen ihren Kollegen nach.


Karibische Wasserqualität.

 

Weiter gegen Osten wird die See rauer, ich stehe mit ein paar thailändischen Kindern am Bug
des schnellen Katamarans und reite die Wellen des Pazifik aus, die wir mit dem schnittigen
Zweirumpfschiff durchpflügen. Das Ziel kommt in Sicht, eine kleine zerklüftete Insel, der
östlichste Punkt Bay. Dort haben die Brecher des Pazifik ein Loch im Felsen
herausgewaschen. Der Hub zwischen den einzelnen Wellen beträgt gut ein paar Meter, das
Schiff schlingert und stampft, der soft spoken Kapitän lässt es sich aber nicht nehmen, sein
Schiff in Zentimeterarbeit durch die Höhle zu bugsieren. Zwischen dem Dach der Brücke und
der kathedralenartigen Decke der Höhle ist nicht mehr viel Platz, ebenso an Backbord und
Steuerbord. Knappe Sache, souverän gemeistert.


The hole in the rock.

 

Eine Touri-Fahrt wäre keine solche ohne die Gelegenheit, einzukaufen oder sich zumindest in
einem Restaurant ausnehmen zu lassen. In diesem Fall gibt es auch die halbstündige Fahrt mit
dem U-Boot. Das originellerweise in gelb lackierte Teil taucht nicht einmal, die Menschen
nehmen im Unterwasser-Teil des Fake U-Boots Platz. Sie erleben eine Fischfütterung
hunderter Arten tropischer Fische.


Die Fake Yellow Submarine sticht in See.

 

Ich entscheide mich dagegen, wechsle auf ein anderes Schiff, das gleich zurückfährt. Beim Anstellen
für einen Kaffee verfolge ich ein Gespräch zwischen der adretten jungen Dame hinter der Bar und zwei
jesusbeschlapften (Nike Version, klar) israelischen Jungs, die sie auf Herz und Nieren ausfratscheln.
Dann bin ich an der Reihe.

„Ah, Du kommst aus der Schweiz”, eröffne ich. „Wie lange bist Du schon hier?”
„Das ist genau, warum ich nur mehr Englisch spreche,” meint sie. „Ich halte alles, was damit
zu tun hat, nicht mehr aus, deswegen bin ich schon seit drei Jahren hier. How would you like
your coffee?”


Lady made of stone.

 

Die Autofahrt nach Hause bringt mehr Regen, meine Stimmung steigt, als ich 80km vor
Auckland wieder B-FM empfangen kann. Der beste alternative Sender Aucklands spielt ein
FM4-ähnliches Programm, von koolen Kiwis moderiert. Schnell vergesse ich die gespritzte
Schweizerin, was bleibt, ist der Traum von der Insel. Vielleicht sollte ich als Tour Guide
anheuern, mich ein Jahr in der Bay of Islands herumtreiben.


Schöner Wohnen in Stanley.

 

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Die Stadt der Segler

Tag 14 – Weltreise 2001/02

Auckland wirkt auf mich wie eine Mischung aus Sydney und Seattle, etwas kleiner, dafür mit
mehr Charme. Ein riesiger Yachthafen ist das Centerpiece dieser Stadt, mit Tausenden Segel-
und Motoryachten in allen Größen und Schattierungen. Die Neuseeländer sind verrückt nach
Wassersport. Der Grund dafür sticht einem bei einer kleinen Rundfahrt schnell ins Auge:
America’s Cup heißt das Zauberwort. Dieser über 150 Jahre alte Pokal, um den die Creme de
la Creme der Segler in speziell gefertigten Yachten alle 4 Jahre segelt, steht seit 1995 in
Neuseeland. Die Kiwis waren die ersten, die es nicht nur schafften, den Pokal den
Amerikanern abzunehmen, sondern ihn auch erfolgreich zu verteidigen. Das
unwahrscheinliche daran ist der Wirtschaftsaufschwung, den Auckland mit dem Cup gefeiert
hat.

Yachthafen mit angeschlossener Stadt.

 

Die Story wird dann verständlich, wenn man sich im Hafen genauer umsieht: jedes der 8 oder
10 internationalen Syndikate hat ein riesiges Lagerhaus im Hafen gebaut oder konvertiert. Im
nächsten Jahr bestreiten sie zuerst Ausscheidungsrennen – den Louis Vuitton Cup. Der Sieger
der Ausscheidung (sogar die Amis müssen sich erst qualifizieren) fährt dann 2003 gegen die
Neuseeländer um den America’s Cup. Diese Syndikate sind voll durchgesponserte High Tech
Schmieden erster Sahne, die Budgets beginnen im dreistelligen Dollar-Millionen Bereich,
Ende nach oben nicht in Sicht. Die Titelverteidiger trinken Neuseelands größtes Bier,
Steinlager, telefonieren mit der örtlichen Telecom und fahren Toyota. Italien segelt unter der
Flagge der Modezaren von Prada. Alinghi, ein Schweizer Syndikat – ein berühmtes Volk von
Seglern – führt die Flagge der UBS, dazu unter anderem Audemars Piguet. Alles, was gut und
teuer ist, sitzt hier in Auckland. Jedes Syndikat betreibt einen Aufwand, der höchstens von der
Mondlandung überboten wird. Und jeder hat einen Merchandise-Shop, vom einfachen T-Shirt
und Kaffehäferl bis zum speziellen Segler-Gear kann man alles erstehen. Film gesehen. Buch
gelesen. T-Shirt gekauft.

Team New Zealand rules the waves.

 

Die Liste der segelnden Computerfirmen liest sich wie ein Auszug aus dem S&P 500, allen
voran Oracle. Der milliardenschwere CEO Larry Ellison würde am liebsten die USA-Yacht
selber segeln. SAP (auch hier segelt der Chef gerne selbst) unterstützt die Titelverteidiger,
Microsoft, Sun oder Hewlett-Packard sind im Hafen präsent. Die meisten High Tech Firmen
haben am Wasser neue Häuser gebaut, in der Nähe des neu gebauten America Cup Village.
So kann man sich leicht vorstellen, dass der Gewinn des Cup und die erfolgreiche
Titelverteidigung zu Investitionen in Dollar-Milliardenhöhe und einem damit verbundenen
Aufschwung für Neuseelands größte Stadt geführt haben.

Flying the flag – Luxusmarken unter Segeln.

 

Dementsprechend hat sich viel Leben rund um den Hafen angesiedelt. Abends wurlt es in den
Bars der Hafengegend. Sie machen auch einen gestylten, guten Eindruck. Neue Porsches,
fette Benz und satte Beemer drehen ihre Runden. Die Bierauswahl macht einem das Leben
schwer, gegessen wird ausländisch. Japaner, Thais, Chinesen, Italiener, Franzosen haben
kulinarische Außenposten in Auckland eröffnet, die Küche jedes Landes, das mehr zu bieten
hat als England, gibt es auch zu essen.

Mal was neues: total netter Hafen einer Großstadt.

 

Ein paar Strassen weiter finde ich die K Road, der lange Maori Name Karangahape Road ist
den Kiwis zu kompliziert geworden, man spricht nur von der K Road. Die K Road ist das
eigentliche Vergnügungszentrum. Bier-Bars, Wein-Bars, Kebablokale, Take Away Chinesen,
Tattoo und Piercing Shops, Starbucks, Pizza, dazwischen ein paar eher übel aussehende Strip-
und Schleck-Schuppen ziehen sich entlang gut 2 km. Dann geht es zwar rechts ab, in die
Ponsonby Street, aber in einer ähnlichen Tonart weiter. Die Lokale werden cooler, gut
designed, unter der Woche halbleer. Ich nehme im One Red Dog schnell ein Bier. Menschen
jeden Alters speisen zu hipper House Musik (bei uns undenkbar „Sagn’s, kenntn’s vülleicht
de Tschezz-Musik odrahn?”), die Kellner sind total cool, trotzdem neuseländisch
superfreundlich. Das Speisenangebot ist auf Pacific Rim Fusion Cuisine getrimmt. Die Preise
sind sensationell niedrig. Überall verteilen 20jährige Flyer für ihre Nachtklubs. Alle Musik-
Richtungen und Live Acts stehen in Auckland jeden Tag zur Auswahl: Deep House, Jungle,
Two Step, Ragga, you name it – we play it. In Kombination mit dem herrlichen Hafen, dem
vielen Wasser und dem angenehmem Klima ist Auckland eine Einladung zum
Wiederkommen. Oder gleich da bleiben.

Etwas eleganter als der Donauturm – aber auch höher.

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Die verkehrte Nacht

Tag 13 – Weltreise 2001/02

Es gibt zwei Gründe, warum ich mein Round-the-World Ticket bei der One World Alliance
gekauft habe: zum ersten schätze ich die Fluglinien dieser Allianz besonders – British
Airways sowieso, aber im speziellen Cathay Pacific und Qantas, die Langstrecken-
Champions. Zum zweiten bietet nur One World die Möglichkeit, von Südamerika nach
Neuseeland zu kommen, ohne einen tagelangen Abstecher nach Los Angeles in Kauf nehmen
zu müssen. Der Qantas-Flug QF 116 verlässt Buenos Aires gegen Mitternacht und erreicht
nach einem Flug über die Antarktis etwa 14 Stunden später Auckland. Es ist der einzige Flug
auf dieser Route.

Die B-747-400 Longreach der Qantas ist rammelvoll, die Stimmung an Bord bescheiden.
Australische Fußball-Schlachtenbummler sind auf dem Heimweg von ihrem zweiten Spiel
gegen Uruguay, sie können sich über die blutige Nase in Höhe von 3:0 für Uruguay vom
Nachmittag nicht wahnsinnig freuen – die WM 2002 findet ohne die Aussies statt. Vielleicht
ganz gut so, sonst artet der Flug in ein australisches Saufgelage aus, man kriegt kein Auge zu.
In der First diskutieren einige Funktionäre mit ernster Mine die Konsequenzen für den
Verband. Spieler und Trainer sind leicht an ihren Trainingsanzügen und den finsteren
Gesichtern zu erkennen. Die erste Klasse ist voll, Sitz 1K schirmt mich aber gut ab. Ich
genieße die Hälfte eines exzellenten Mahls, einen Schlummertrunk in Form eines exzellenten
australischen Cabernet Shiraz und freue mich, in meinem Lieblingsflugzeug zu sitzen. Es geht
nichts über eine Boeing 747, vor allem vorne: in keinem anderen Flieger hat man so viel
Platz, eine so hohe Kabine und so viel Privatsphäre, besonders mit den Einzel-Schlafsitzen.

Der Flug verläuft ruhig, auf meinem ersten Gang zur Toilette zwecks Anlegen des
mitternachtsblauen beigestellten Qantas „Kampfanzugs” sehe ich am Horizont die Anzeichen
eines Sonnenuntergangs. Das scheint mir eigenartig, ich bin aber zu müde, um die
Konsequenzen zu überlegen. Ich schlafe vier Stunden, die Kabine ist komplett verdunkelt. Ich
erwache kurz, das Guinness vom Abend und der Liter Wasser an Bord fordern ihren Tribut.
Draußen ist es plötzlich taghell, wir sind über der Antarktis. Ein Wolkenmeer verdeckt den
Kontinent großflächig, dazwischen gibt es immer wieder wolkenfreie Zonen. Schnee und
blaues Eis blitzen aus 11.000m Entfernung herauf, eine Küstenzone mit Gletscherbrüchen und
Eisbergen. Pinguine und Seehunde tummeln sich auf den Schollen, unter ihnen gehen
Eisbären ihrer blutigen Arbeit nach….OK, das war jetzt erfunden, die Phantasie geht mit mir
durch. Es gibt keine Eisbären in der Antarktis.

Nach weiteren 4 Stunden erwache ich ein weiteres Mal, es dämmert. Es ist aber kein
Sonnenuntergang, die Sonne steht im Osten: es ist Sonnenaufgang – alles verkehrt herum.
Unter uns der Südpazifik, von Minute zu Minute wird es dunkler, die aufgehende Sonne
verschwindet hinter dem Horizont. Eine Stunde vor Auckland ist die Reverse-
Morgendämmerung verschwunden, stockdunkle Nacht umgibt uns. Ich muss mein
Datumsanzeige nachjustieren, ich habe einen Tag verloren, dieser Tag ist von hinten nach
vorne abgelaufen.

Auckland International Airport läuft um knapp vor 6 auf vollen Touren. Ich stehe mir zuerst
die Beine in den Bauch, hole bei Avis einen Toyota Corolla und fahre ins Sheraton
einchecken.

Tagwache in der Qantas.

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